Zum e-SUV verpflichtet

Warum Volkswagen in Kalifornien zwei Batterie-SUVs verkaufen muss

3,0 Liter Diesel cheating case. So nennt das California Air Resources Board (CARB) den neusten Fall bei Volkswagen. Die Gerichte des mit 40 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten US-Bundesstaats haben mit der Volkswagen Group einen Vergleich geschlossen. Ein Settlement, wie es auf Englisch heißt oder in der Juristensprache: Ein Consent Decree. Anders als bei den Vierzylinder-Dieselmotoren mit 2,0 Litern Hubraum im Jetta und im Passat ist keine Milliarden-Strafe fällig. Vielmehr verpflichtet sich die Volkswagen Group, bestimmte Auflagen zu erfüllen. Die interessanteste: Bis 2020 wird der Autokonzern drei Batterie-elektrische Fahrzeuge auf dem kalifornischen Markt verkaufen. Zum einen den e-Golf oder dessen Nachfolger, also das Serienauto zur Studie I.D. Zum anderen zwei SUVs, von denen eins spätestens 2019 verfügbar sein muss. E-Motoren ersetzen den Selbstzünder und das auch noch im schweren SUV – eine aus deutscher Sicht fast absurde Vorstellung.

Beim Blick ins Detail hat die Volkswagen Group hier einen günstigen Vergleich erzielt. Der Betrugsvorwurf richtet sich gegen 17.000 in Kalifornien und circa 70.000 weitere in anderen US-Staaten verkaufte Modelle der Baujahre 2009 bis 2015 mit 3,0-Liter-Sechszylinder-Dieselmotor. Vom Volkswagen Touareg über die Audi-Typen Q5, Q7, A6, A7 und A8 sowie den Porsche Cayenne fuhren etliche Konzernautos mit dieser Maschine. Ingenieure von Audi hatten im November 2015 eingeräumt, eine verbotene Abschalteinrichtung verbaut zu haben. Was jetzt folgt, ist eine Wiedergutmachung im US-Stil.

Auf Nachfrage von ELECTRIVE.net teilt das California Air Resources Board mit, dass Volkswagen mit den drei Batterie-elektrischen Autos zuerst die lokale Verfügbarkeit von Nullemissionsfahrzeugen erhöhen soll. Denn die Auswahl ist in Kalifornien zwar besser als in den meisten anderen Ländern, aber weit entfernt von dem Portfolio, dass Kunden beim Verbrennungsmotor gewohnt sind. Dass die US-Amerikaner SUVs einfordern, ist nur logisch. Schließlich haben sie das Sports Utility Vehicle erfunden, und dort nahm der Boom seinen Anfang. Durch die Einigung mit Volkswagen wird also das politisch-gesellschaftliche Ziel der Luftreinhaltung mit den Marktbedürfnissen verknüpft.

35.000 BEVs in sieben Jahren

In dem gerichtlichen Vergleich ist ausdrücklich von Battery Electric Vehicles die Rede, also nicht von Plug-In-Hybriden, Brennstoffzellen-Autos oder gar Dieselantrieben mit den vom Verband der Automobilindustrie (VDA) als PR-Witz unterstützten synthetischen Kraftstoffen. Zwischen 2019 und 2025 müssen insgesamt 35.000 BEVs verkauft werden. 5.000 Stück pro Jahr.

Die Volkswagen Group wird kein Problem damit haben, diese Auflagen zu erfüllen – falls den Ankündigungen auf den Messen tatsächlich Fahrzeuge folgen.

Nummer 1, der e-Golf, ist gesetzt. Er wird entweder in der aktuellen oder der folgenden Generation weitergebaut oder durch den I.D. ergänzt. Offen bleibt, welches e-SUV bereits 2019 auf den Straßen fährt und welches bis 2020 dazu kommt.

Wir spekulieren: Das erste Batterie-elektrische SUV ist der Audi e-tron. Er feiert seine Weltpremiere auf der IAA in Frankfurt und wird ab der zweiten Jahreshälfte 2018 produziert. Auf dem e-tron lasten höchste Erwartungen. Er muss die Glaubwürdigkeit der deutschen Hersteller wiederherstellen und klarmachen, dass Tesla nicht konkurrenzlos ist. Wir sind gespannt.

I.D. Crozz als zweites e-SUV?

Und das zweite SUV bis 2020? Hier bietet sich die Serienversion von mindestens einer der beiden gerade in Shanghai vorgestellten Studien an, also entweder der Audi e-tron Sportback oder der Volkswagen I.D. Crozz. Beide sind Autos, die dem Geschmack wohlhabender US-Amerikaner entsprechen dürften. Groß, SUV-like, stark – und lokal emissionsfrei.

Die ohnehin geringe Stückzahl von durchschnittlich 5.000 pro Jahr kann unter ungünstigen Umständen korrigiert werden. Im Vergleichspapier, das ELECTRIVE.net vorliegt, ist die Möglichkeit vorgesehen, diese Zahl auf die Hälfte zu reduzieren, wenn die aktuell „herrschenden Marktbedingungen sich substantiell ändern“. Beispiele hierfür können ein niedriger Benzinpreis oder ein Einbruch der Gesamtnachfrage sein. Der Staat Kalifornien würde in dieser Lage wohlwollend reagieren, heißt es.

Darüber hinaus zahlt die Volkswagen Group 225 Millionen US-Dollar für verschiedene Projekte in den USA. Eine relativ geringe Summe, von der 66 Millionen nach Kalifornien gehen.

Das alles klingt nicht nur nach einem Deal, das ist einer. Beide Seiten könnten letztlich davon profitieren. Es entsteht eine Win-Win-Situation: Die USA etablieren in einigen Bundesstaaten einen Leitmarkt für Nullemissionsfahrzeuge. Die Volkswagen Group wiederum hat eine Laborsituation mit guten Rahmenbedingungen und kaufkräftigen Kunden. In der Öffentlichkeit stehen beide Parteien als Kämpfer für eine bessere Luftqualität da.

Rückblickend dürften sich die Verantwortlichen in Wolfsburg fragen, ob sie bei der Milliardenstrafe für die 2,0-Liter-Dieselmotoren geschickt verhandelt haben. Die nach außen getragenen Haltung der Uneinsichtigkeit und das Lavierens hat mutmaßlich nicht dazu beitragen, die Kläger milde zu stimmen. Der gesamte Vorgang ist gründlich schiefgegangen.

e-SUV statt Diesel-Kombi

Zurück zum Vergleich, dessen Kern die Substitution von Dieselmotoren durch Batterie-elektrische Antriebe ist. Hier zeichnet sich nicht weniger als ein Megatrend ab, der in der Klasse der Kompakt-SUVs seinen Anfang nehmen wird. Der Kombi ist out. Der Van ist out. Das SUV ist in.

Die Käufer auf der ganzen Welt sind bereit, für eine erhöhte Sitzposition, gefühlte Sicherheit und subjektive Praxistauglichkeit einen Aufpreis zu bezahlen. Wie stark diese Bewegung ist, zeigt der französische PSA-Konzern: Aus dem Van 5008 wird das SUV 5008. Aus dem Citroen C3 Picasso der C3 Aircross. In jeder Klasse gibt es SUVs oder SUV-ähnliche Angebote. Die Karosserieform passt sich dem Zeitgeist an. Und die SUVs werden in den nächsten fünf Jahren immer häufiger Batterien im Fahrzeugboden haben – ein wenig mehr Sitzhöhe gehört zum Konzept: Hyundai zum Beispiel präsentiert auf der IAA den Kona, der ein Jahr später als Kona electric kommt.

Der Volkswagen-Konzern wiederum muss den US-Amerikanern fast dankbar sein – ohne Dieselgate wäre der Autoriese vielleicht zu spät aufgewacht. Zwar werden die e-SUVs die Fähigkeit des Dieselmotors, 500 Kilometer Vollgas auf der Autobahn ohne Zwischenstopp zurückzulegen, auf absehbare Zeit nicht erreichen. Einigen deutschen und den meisten internationalen Käufern aber könnte das egal sein.

Erschienen am 29. Mai bei ELECTRIVE.net.

Bildquelle: Volkswagen

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