Laden = Tanken

Porsche baut die schnellsten Ladesäulen der Welt

80 Prozent in 15 Minuten. Der erste Batterie-elektrische Porsche, als Serienversion des Mission E für 2019 erwartet, wird schneller laden als alle Konkurrenten. Voraussetzung im Auto ist eine auf 800 Volt umgestellte Fahrzeugarchitektur. Für die Infrastrukturseite hat die Porsche Engineering GmbH eine Ladesäule entwickelt, die im August auf dem Gelände des Zentrums Berlin-Adlershof in Betrieb gegangen ist: Mit einer Leistung von 350 kW übertrifft sie die Supercharger von Tesla (im Regelfall 120 kW) deutlich und ist die schnellste der Welt. Porsche könnte mit diesem Produkt auch das High Power Charging (HPC) Joint Venture der deutschen Hersteller versorgen. Während zu Hause und überall dort, wo Zeit keine Rolle spielt, das gemächliche und netzdienliche Laden mit Wechselstrom (AC) elementar fürs Batterie-elektrische Fahren ist, geht es unterwegs und an wichtigen Knotenpunkten nur um Geschwindigkeit. Das Laden mit Gleichstrom (DC) gleicht immer mehr dem Tanken.

Der Aufbau der 350 kW-Ladesäule in Berlin hat in der E-Szene für Aufsehen gesorgt. Es war zwar bekannt, dass diverse Unternehmen an so leistungsstarken Säulen arbeiten. Dass die Porsche Engineering GmbH aber mindestens einen Schritt weiter ist und Realitäten schafft, hat viele Beobachter positiv überrascht. Das Ziel ist klar: Ein Batterie-elektrischer Sportwagen darf nicht durch die Infrastruktur ausgebremst werden. Und darauf gibt es nur eine Antwort – viel hilft viel.

400 Kilometer in 15 Minuten

Porsche liefert über die Angabe „80 Prozent in 15 Minuten“ hinaus keine aktuellen Zahlen. Das lässt Raum zum Rechnen und Spekulieren: Damit der Porsche Mission E mindestens gleichwertig zum Wettbewerb – und natürlich ist hier die Topversion des Tesla Model S namens P100D gemeint – ist, muss er eine Batteriekapazität von ebenfalls rund 100 Kilowattstunden (kWh) haben. Formal wäre der Mission E eine elektrische Interpretation des Panameras, und wenn man so will, ein ideeller Nachfahre der viertürigen Porsche 928-Studie von 1984.

Bei einer angenommenen Batteriekapazität von 100 kWh entsprechen 80 Prozent also 80 kWh, was wiederum für die versprochene Viertelstunde eine tatsächliche Ladeleistung von 320 kW ergibt. Porsche hatte im letzten Jahr bereits gesagt, dass man mehr als 225 kW für machbar halte. 80 kWh im elektrochemischen Speicher sind genug für etwa 400 gemächliche und 200 radikale Kilometer. So oder so verkürzt sich die Zwangspause an den Ladesäulen erheblich; man setzt auf einen hohen Durchsatz von Fahrzeugen an strategisch wichtigen Standorten.

Zuerst werden die Porsche Zentren mit Ladeparks ausgerüstet. In Berlin-Adlershof sind Plätze für je zwei DC-Ladepunkte mit 350 kW und zwei weitere AC-Ladepunkte mit elf kW reserviert. In Zukunft soll es durchschnittlich sechs Ladepunkte geben.

Flüssigkeitskühlung für Stecker, Kabel und Elektronik

Eine Besonderheit im Aufbau ist, dass die volle Leistung an beiden 350 kW-Punkten jederzeit zur Verfügung steht. Es erfolgt keine Aufteilung zwischen zwei Punkten mit einer Leistungsreduzierung. Der gesamte Ladepark inklusive der Stecker, Kabel und Elektronik ist flüssigkeitsgekühlt. Die Kühleinheit (genauer: zwei Kühlaggregate pro Ladepark) sitzt nicht in der Säule selbst, sondern geräuschmindernd extern; eine Luftkühlung reagiert wesentlich empfindlicher auf Temperaturschwankungen.

Die 350 kW-Säulen erfüllen alle Vorgaben der Ladesäulenverordnung. Sie sind unter anderem voll abwärtskompatibel und öffentlich zugänglich – ein Hyundai Ioniq electric und ein Volkswagen e-Golf können hier mit dem genormten CCS-Standard jederzeit Strom ziehen. Die aktuelle ISO15118 sieht außerdem die grundsätzliche Fähigkeit zu „Plug and Charge“ vor. Ein Fahrer müsste lediglich das Kabel anschließen, die Authentifizierung (siehe Tesla) und die Abrechnung würden automatisch erfolgen. Ein Vorgang, der hoffentlich bald allgemeine Realität wird.

Verkauf im freien Markt

Porsche ist mit der Lösung fürs High Power Charging der zweite Hersteller nach Tesla, der selbst Infrastruktur entwickelt und produziert. Der erste Kunde sind die Porsche Zentren. Und sicher werden die Ladeparks auch auf dem freien Markt angeboten werden, also zum Beispiel für das HPC-Konsortium oder das EU-Projekt Ultra-E, bei dem die wichtigsten Verkehrskorridore auf dem Kontinent elektrifiziert werden sollen.

Unterdessen beginnt auch bei den Mineralölkonzernen eine Öffnung für die Idee, auf dem Gelände der Tankstellen Schnellladesäulen zu errichten. Die Lage der Tankstellen ist häufig wertvoll, und wenn die Standzeiten stark verkürzt werden, findet genug Umsatz in den Shops statt. BP und Shell sind jetzt potenzielle Kunden von Porsche.

Mit der Just-do-it-Haltung in der Ladesäulenentwicklung macht Porsche ein deutliches Statement. Wir zeigen, wo vorne ist – im Vergleich zum Wettbewerb, aber auch im Volkswagen-Konzern. Vorsprung durch Infrastruktur-Technik kommt zurzeit aus Weissach, nicht aus Ingolstadt.

Erschienen am 14. August bei heise Autos.

Bildquelle: Porsche

3 Comments

EdgarW

Hallo Herr Schwarzer,

es existiert offenbar Verwirrung ob der Zugänglichkeit und derm Eröffnungszeitpunkt des Ladestandorts. Wie schon im Heise-Forum verlinkt, ist der Standort laut GoingElectric Ladesäulenverzeichnis nicht öffentlich zugänglich, anscheinend sind sie nur für Porsche-Besitzer nutzbar. Was, nett ausgedrückt, ziemlich albern ist, da es die besagten Porsche ja erst in ein paar Jahren geben wird. Obendrein wurde die Eröffnung auf Goingelektrik bereits am 14. Juli vermeldet. Welches Datum stimmt nun?

Schöne Grüße, EdgarW

Links hierzu:
https://www.heise.de/forum/p-30866847/
http://www.goingelectric.de/stromtankstellen/Deutschland/Berlin/Porsche-Zentrum-Berlin-Adlershof-Hermann-Dorner-Allee-98/21236/
http://www.goingelectric.de/2017/07/14/news/porsche-praesentiert-schnellladepark-in-berlin/

Reply
Christoph Markus Schwarzer

Lieber EdgarW,

Porsche hat mir auf meinen Fragekatalog geantwortet, dass die „an Porsche Zentren installierten Ladesäulen den Anforderungen der Ladesäulenverordnung entsprechen“ und somit „für jedermann, auch für Nicht-Porsche-Fahrer, zugänglich“ sind.

Ich habe TeeKay, der das Posting bei Going Electric verfasst hat, gebeten, die aktuelle Situation zu prüfen.

Beste Grüße, Christoph Schwarzer

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