Tesla baut VW eine goldene Brücke

Offener Brief: „Nicht reparieren, was nicht repariert werden kann“

Elon Musk macht sich zum Anwalt von Volkswagen in Kalifornien. Scheinbar jedenfalls. Der charismatische Gründer des Elektroautoherstellers Tesla Motors hat zusammen mit 44 einflussreichen Geschäftsleuten einen offenen Brief an Mary Nichols geschrieben: Die Leiterin der Luftreinhaltungsbehörde CARB (California Air Resources Board) möge Volkswagen doch bitte nicht dazu zwingen, die Dieselmotoren der Jettas und Passats nachzubessern.

Stattdessen solle das Geld in das emissionsfreie Fahren investiert werden, so die Verfasser des Briefs. Der Umweltnutzen wäre dadurch mindestens zehn Mal so groß wie bei einem Update der TDIs. „Eine gigantische Summe Geld würde bei dem Versuch verschwendet, Autos zu reparieren, die sich nicht reparieren lassen“, fassen die Unterzeichner die Situation beim Dieselmotor zusammen. Sie sind davon überzeugt, dass der Selbstzünder am Ende ist, weil VW „betrügen musste, um die Standards in den USA und Europa zu erfüllen“, obwohl man „über das größte Forschungs- und Entwicklungsprogramm für Dieselmotoren“ verfüge.

Steckt lieber Eure ganze Kraft in den Fortschritt, das ist die Botschaft. Ein vorbildlicher Gedanke.

Die konkreten Lösungsvorschläge: Zuerst kommt man Volkswagen entgegen und befreit das Unternehmen vom Umrüstzwang für die in den USA betroffenen Diesel-Pkws. Stattdessen solle Volkswagen angewiesen werden, die Verbreitung von elektrisch angetriebenen Fahrzeugen auf breiter Basis zu beschleunigen. Dieser Plan müsse innerhalb von fünf Jahren umgesetzt werden. Als zusätzliche Bedingung führen die Schreiber des offenen Briefes an, dass Volkswagen sowohl bei der Fertigung als auch bei der Entwicklung in kalifornische Standorte investiert.

Man schlägt also kurz gesagt einen Deal vor. Oder auf Deutsch: Man baut Volkswagen eine goldene Brücke. Denn immerhin droht dem deutschen Konzern durch die US-Umweltschutzbehörde EPA weiterhin eine Strafe von 18 Milliarden US-Dollar, was nach aktuellem Umrechnungskurs rund 16,5 Milliarden Euro entspricht.

Ist die Milliardenstrafe verhandelbar?

Für Volkswagen könnte es ziemlich attraktiv sein, auf dem Verhandlungsweg tatsächlich eine bessere Antwort zu finden als die pure Zahlung eines Strafgeldes an den US-amerikanischen Staat plus der Verbesserung etlicher TDIs im Bestand. EPA, CARB und die klagenden Autobesitzer müssen irgendwie zufrieden gestellt werden, und da könnte die Idee der Elektrifizierung eine elementare Rolle spielen.

Der Volkswagen-Konzern ist nämlich keineswegs schlecht aufgestellt bei der Energiewende im Auto. Im Gegenteil, er zeigt deutlicher als die Wettbewerber, wie man sich eine Strategie bis 2020 vorstellt. Das ist keine Reaktion auf den Dieselgate-Skandal. Was jetzt angekündigt oder schon verkauft wird, ist seit Jahren vorbereitet. VW bietet am Markt bereits die Batterie-elektrischen Modelle e-Up und e-Golf sowie die Plug-in-Hybride Golf und Passat GTE an. Welcher Hersteller bietet ein breiteres Angebot mit Ladestecker?

Anfang Januar auf der CES in Las Vegas präsentiert der Wolfsburger Hersteller darüber hinaus einen Batterie-elektrischen Minivan. Er soll „langstreckentauglich und erschwinglich“ sein. Die Spekulation: Ab 2018 geht der Bulli im Golf-Format mit 400 Kilometern Reichweite in Serie. Aus den Entwicklungsabteilungen der Elektroingenieure sind außerdem ein SUV von Audi (e-tron quattro concept), ein Sportwagen von Porsche (Mission E) sowie ein Nachfolger des Volkswagen Phaeton mit vollelektrischem Antrieb zu erwarten. Alles für die Jahre 2018 bis 2020.

Die Konkurrenz fehlt, das Geschäft lahmt

Allerdings wäre es naiv zu glauben, dass Elon Musk und seine Mitspieler ein großes Herz für VW hätten und dem Konzern nun in eine stabile Zukunft helfen wollen. Sie wollen in erster Linie eines der schwersten Probleme der Elektromobilität beheben: Es gibt zu wenig Wettbewerb und zu wenig Produkte. Und so, wie Konkurrenz das Geschäft belebt, sorgt der Mangel daran für einen müden Markt.

In Deutschland etwa hat sich die Zahl der Modelle ohne Verbrennungsmotor in den letzten zwei Jahren kaum verändert. Neben den oben genannten Volkswagen können der BMW i3, der Mercedes B-Klasse Electric Drive, der Nissan Leaf und der Renault Zoe an der Steckdose tanken. Demnächst fährt mit dem Model X der zweite Pkw von Tesla Motors über die Straßen der Republik – hip, aber sehr teuer. Der technisch arg angestaubte Drilling Mitsubishi Electric Vehicle, Citroën C-Zero und Peugeot iOn erzielt nur noch geringen Absatz. Und der Smart Electric Drive ist nicht mehr erhältlich und bis Ende 2016 ohne Nachfolger. Das ist die ernüchternde Situation.

Wenn die deutschen Premiumhersteller endlich ein direktes Konkurrenzangebot für Teslas Batterie-elektrische Luxusautos positionierten, würden wahrscheinlich nicht weniger Model S und Model X verkauft werden. Vielmehr könnte es die Stromer endlich aus der Nische führen. Und falls Volkswagen am Ende Batteriezellen aus der so genannten Gigafactory von Tesla in Nevada anfragen würde: Elon Musk würde fraglos liefern.

Win-Win oder No Deal – es profitieren beide Seiten oder es kommt nicht zum Geschäft – diese ur-amerikanische Weisheit könnte wieder zum Tragen kommen. Vielleicht trifft der Vorschlag aus dem offenen Brief auf fruchtbaren Boden. Vielleicht wird im Hintergrund längst über eine ähnliche Lösung verhandelt, denn sie liegt nahe. Dann könnten statt Jetta und Passat TDI schnell e-Golf und e-Bulli zwischen Eureka und San Diego rollen.

Und in Deutschland? Da genügen offenbar ein Software-Update und ein günstiges Bauteil, um den Ansprüchen des Gesetzgebers gerecht zu werden, und damit müssen sich die Kunden zufrieden geben. Hier ist die Realität des staatlichen Handelns: Ab 1. Januar 2016 wird die Kfz-Steuerbefreiung für Elektroautos von zehn auf fünf Jahre gekürzt.

Bildquelle: Volkswagen

Erschienen am 22. Dezember bei ZEIT ONLINE.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

nach oben