Der Vierzylinder-Boxer

Porsche schafft im 718 den Flat Six ab

Hören ist wichtiger als sehen. Beim Porsche 718 Boxster jedenfalls. Denn obwohl Porsche behauptet, vom 2012 vorgestellten 981 lediglich Kofferraumdeckel, Windschutzscheibe und Verdeck übernommen zu haben, ist es nicht die Optik, sondern der Motor, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht: Porsche ersetzt den Sechszylinder- durch einen Vierzylinder-Boxer.

Sparen wir uns das Gerede über die so genannten gusseisernen Markenfreunde, für die angeblich jede Veränderung ein Sakrileg ist, egal ob es die Einführung der Wasserkühlung, die Abschaffung des Saugmotors oder jetzt der Vierzylinder-Boxer ist. In Wirklichkeit geht auch Porsche einfach mit der Zeit. Die Ingenieure wollen geile Autos bauen, selbst wenn auf der einen Seite das Verbrauchslimit der Europäischen Union und auf der anderen Seite die Kostendaumenschraube droht.

Wagen Sie eine Hörprobe in den einschlägigen Portalen! Das Geräusch am Polarkreis oder auf dem Nürburgring (ja, auch der Cayman ist dran!) klingt anders als bisher, erinnert aber kaum an die Modelle 356, 912 oder gar an einen VW Käfer. Vielmehr schwingt hier ein Stück Subaru mit.

Weg vom Subjektiven, hin zu den Fakten. Der Basisantrieb im 718 hat zwei Liter Hubraum und leistet 220 kW (300 PS). Zum Vergleich: Beim 981 waren es 2,7 Liter und 195 kW (265 PS). Das Drehmoment des kleinen Vierzylinderboxers beträgt maximal 380 Newtonmeter (981: 280 Nm), und es liegt zwischen 1950 und 4500 (vorher: 4500-6500) Kurbelwellenumdrehungen an – dem Turbolader sei Dank.

718 Boxster S mit im Benziner seltener VTG

Der hat im 718 Boxster S wie im 911 Turbo das Porsche-Alleinstellungsmerkmal der variablen Turbinengeometrie (VTG). Wohlgemerkt, bei Benzinern ist das eine Besonderheit, bei Dieselmotoren ist eine VTG weit verbreitet und wegen der niedrigeren Abgastemperaturen leicht implementierbar. Im Boxster S hat der Vierzylinder-Boxermotor 2,5 Liter Hubraum und leistet  257 kW (350 PS). Das Drehmoment beträgt 420 Nm bei 1900 bis 4500 Umdrehungen pro Minute. Und wieder die Vergleichswerte aus dem 981 mit Sechszylinder-Maschine: 3,5 Liter Hubraum, 232 kW (315 PS), 360 Nm bei 4500 bis 5800 Touren.

Die Fahrleistungen sprechen für sich. Beim 2-Liter-Motor, ausgerüstet mit dem Doppelkupplungsgetriebe PDK und dem Sport Chrono-Paket, dauert der Sprint auf 100 km/h 4,7 Sekunden. Das sind 0,8 Sekunden schneller als beim Vorgänger. Die S-Version braucht dafür 4,2 Sekunden (minus 0,6 Sekunden). Top Speed: 275 km/h beim Standardmodell, 285 km/h beim 718 Boxster S.

Der Verbrauch sinkt dabei auf 6,9 (981: 7,9) Liter beim 718 Boxster und auf 7,3 (981: 8,2) Liter beim 718 Boxster S. Wir werden das überprüfen, und der Autor dieses Beitrags räumt ein, dem in Deutschland geschmähten Cayman den Vorzug zu geben, dem die gleiche Renovierung bevorsteht. Der gilt im anglo-amerikanischen Raum als einer der dynamischsten Porsches, denn er ist kleiner und leichter als der 991, der Mittelmotor macht ihn agil, und irgendwie ist alles besser als die SUVs, die inzwischen zur Lebensader der Marke geworden sind.

Neu abgestimmtes Fahrwerk, zeitgemäße Bedienung, hoher Preis

Porsche sagt außerdem, dass beim 718 das Fahrwerk komplett neu abgestimmt wurde; so sei die elektromechanische Lenkung um zehn Prozent direkter ausgelegt und die Kurvenperformance insgesamt gesteigert. Fleißig beworben wird auch das optionale Porsche Active Suspension Management (PASM), das mit zehn (718 S: 20) Millimeter Tieferlegung bestellt werden kann. PASM soll wie gehabt die Spannbreite zwischen komfortablem Gleiten und sportlicher Hatz weiter erweitern.

Es ist zur Selbstverständlichkeit in der Autoindustrie geworden, bei der Überarbeitung eines Modells auch die Bedienung anzupassen. Aktuelle Audioschnittstellen, Sprachbedienung des Navigationssystems, Onlinedienste. Übersetzt: Der ständige Fortschritt in der elektronischen Unterhaltungsbranche macht an der Autotür nicht halt. Das ist okay, denn niemand will die Zeiten zurück, in denen noch Kassettenradios eingebaut waren, obwohl längst jeder einen CD-Player hatte.

Der Spaß beginnt bei 53.646 Euro für den 718 Boxster und 66.141 Euro für den 718 Boxster S. Oh ja, die Ausstattungsliste wird wie gehabt erheblich Luft nach oben bieten. Es bleibt abzuwarten, wie gut sich der neue Vierzylinder-Boxermotor auf der Straße macht. Die Vorzeichen sind positiv. Und wer sich partout nicht damit anfreunden kann, dem bleibt der Gebrauchtwagenmarkt aus 20 Jahren Boxster, und vielleicht schiebt Porsche noch eine Topversion mit Flat Six nach. Einen Nachfolger des GT4 zum Beispiel.

Bildquelle: Porsche

Erschienen am 27. Januar bei heise Autos.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

nach oben