Kurs-Korrektur

Shell investiert in die Lade-Infrastruktur für E-Autos und in Wasserstoff-Tankstellen

Ein Supertanker ist schwer zu steuern. Der Mineralölkonzern Royal Dutch Shell ähnelt diesem Schiffstyp: Mit einem Jahresumsatz von fast 200 Milliarden Euro gehört das Unternehmen zu den größten der Welt. Und Kurskorrekturen wirken sich nur langsam aus. Umso auffälliger ist, dass Shell die eigene Kraftstoffstrategie leicht modifiziert. Shell wird zum Vollsortimenter – und steckt damit die Claims der Zukunft ab.

Kerngeschäft bleiben die Mineralölprodukte. Aus Sicht des Autofahrers sind das die Kraftstoffe Diesel und Benzin. In Deutschland werden pro Jahr zusammen gut 40 Milliarden Liter dieser konventionellen Spritsorten in Pkws verbrannt. Allein die Energiesteuereinnahmen auf Diesel (inklusive Nutzfahrzeugverbrauch) und Benzin im Jahr 2016 betrugen laut Statistischem Bundesamt 35,7 Milliarden Euro; dazu addiert sich die Mehrwertsteuer.

Der Fahrenergieverkauf für den Straßenverkehr ist also jeder Hinsicht ein ganz großes Rad. Trotzdem ist die Zahl der Tankstellen seit Jahren leicht rückläufig. 2017 waren 14.510 in Betrieb, davon 1.929 bei Shell (Quelle: Mineralölwirtschaftsverband). Etliche Standorte sind schlicht überflüssig. Und vielleicht ist das eine der Handlungsgründe, neue Wege auszuprobieren.

Wasserstoff als vertraute Alternative

So gehört der niederländische-britische Mineralölkonzern zu den Aktiven beim Aufbau einer Wasserstoff-Infrastruktur. In Hamburg zum Beispiel sind zwei H-Tankstellen in Betrieb, die unter anderem die Brennstoffzellen-Toyotas des Ridesharing-Anbieters Clever Shuttle versorgen. Der Aufbau einer Wasserstoff-Säule ist technisch keineswegs trivial und mit ein bis zwei Millionen Euro außerdem auf den ersten Blick teuer.

Bei genauerem Hinsehen relativiert sich die Investition jedoch. Nicht, weil der Staat Fördermittel gibt. Sondern weil die Investition in ein paar Wasserstoff-Tankstellen im Vergleich zu den Summen, die mit konventionellen Kraftstoffen umgesetzt werden, lächerlich gering ist.

Wasserstoff ist für die Mineralölkonzerne ohnehin ein vertrautes Produkt. Sie hantieren seit Jahrzehnten damit. Suspekt wird es erst, wenn die Fahrenergie quasi unsichtbar wird – beim Strom.

Mehrere Strom-Initiativen

Hier geht Royal Dutch Shell tatsächlich neue Wege:

1) Im April ist Shell dem Verein CharIN beigetreten, dessen Ziel die Standardisierung des Gleichstromladens ist. Andere Mitglieder sind Volkswagen, Tesla und Siemens.

2) Im Oktober hat Shell den niederländischen Mobility Service Provider New Motion gekauft. New Motion ermöglicht den Zugang zu mehr als 50.000 öffentlichen Ladestationen und ist damit die Nummer Eins in Europa.

3) Im Vereinigten Königreich baut Shell in Zusammenarbeit mit Allego aus den Niederlanden DC-Schnellladesäulen auf dem Gelände vieler Tankstellen auf. Der Preis pro kWh soll bis Juni 2018 von jetzt rund 56 auf dann etwa 27 Cent sinken.

4) Ende November hat Shell sich ins Joint Venture Ionity eingekauft. Unternehmen wie BMW, Daimler und Volkswagen bauen ein europäisches Schnelllade-Netzwerk mit 400 (2020) Standorten auf, von denen 80 auf Shell entfallen sollen. Die Ladeleistung beträgt bis zu 350 kW (Tesla Supercharger: 120 kW).

Die Marktposition zukunftsfest machen

Der Mineralölkonzern eröffnet sich neue Geschäftsfelder. Was auf den Grundstücken verkauft wird, die sich häufig in erstklassiger Lage in Städten und an Verkehrsachsen befinden, ist längst gleichgültig. Und auch Gewinn wird zu Beginn mit den Ladesäulen noch nicht gemacht. Vielmehr geht es in der Branche der Ladeinfrastruktur zurzeit vorwiegend um die Sicherung von geeigneten und stark frequentierten Standorten. Shell und diverse Wettbewerber sichern ihre Position.

Tankstellen zu Ladeparks, das könnte das Szenario der kommenden 15 Jahre sein. Allerdings gibt es eine Konkurrenz, die bisher nicht vorhanden war: Mit dem Batterie-elektrischen Auto können die Besitzer das Monopol der Mineralölkonzerne brechen. Zum ersten, indem sie zu Hause mit Strom vom jeweils gewählten Versorger beziehen. Und zum zweiten, wenn sie noch einen Schritt weitergehen und die elektrische Energie selbst produzieren. Es gibt viele Menschen, für die dieses Kaufmotiv am wichtigsten ist.

Erschienen am 7. Dezember bei heise Autos.

Bildquelle: Shell

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