K(l)eine Konkurrenz

Die Zeit für die Startups wird knapp

Endlich ein bezahlbares Elektroauto. Der Sion von Sono Motors aus München scheint der Beweis für die Handlungsunfähigkeit der klassischen Autoindustrie zu sein: Für 16.000 Euro sollen die Kunden einen Batterie-elektrischen Pkw in der Größe eines Volkswagen Polo bekommen. Der Clou des Sion ist die Karosserie mit integrierten Photovoltaikzellen. Je nach Standort und Jahreszeit kann Strom für bis zu 30 Kilometer pro Tag erzeugt werden. Etwa 6.800 Menschen haben eine Anzahlung geleistet und erhalten wie die Interessenten des Tesla Model 3 eine Reservierung. Irgendwann in der zweiten Jahreshälfte 2019 könnte die Auslieferung beginnen. Das simple Konzept des Sono Sion ist erfrischend – und trotzdem bleibt die internationale Autoindustrie gelassen.

Diese Coolness hat zwei Gründe: Zum einen relativiert sich der Preis bei genauerem Hinsehen. Und zum anderen arbeiten die Großkonzerne aus Deutschland, Frankreich, Japan und Südkorea selbst an Batterie-elektrischen Autos, bei denen sie ihr ganzes Können zeigen.

Beim Sion addieren sich zum Grundpreis „aus heutiger Sicht etwa 4.000 Euro“ für den Batteriekauf. Das System wird vom Zulieferer ElringKlinger und wahrscheinlich mit chinesischen Zellen gefertigt. Die Kapazität soll bei mindestens 35 Kilowattstunden liegen, mithin so viel wie bei einem e-Golf von heute und genug für 250 Kilometer Reichweite, sagt Sono Motors. Ob dieser Kurs tatsächlich realisiert werden kann, muss das Unternehmen erst zeigen. Die rapiden Preissenkungen, die seit Jahren für Batterien kolportiert werden, sind bisher jedenfalls kaum beim Endkunden angekommen – Elektroautos sind weiterhin vergleichsweise teuer.

Es wäre sensationell, wenn der Sion wirklich für rund 20.000 Euro inklusive elektrochemischem Speicher ab Spätsommer 2019 zu haben wäre. Einen Nachlass gibt es nicht, und die Förderprämie von 4.000 Euro, bezahlt von Staat und Firmen, ist dann ebenfalls ausgelaufen. Der Sparpreis des Sion könnte sich jedoch durch die Kombination aus bewährten Serienteilen von Zulieferern, Einschränkung der Varianten (es gibt exakt eine) und den Verzicht auf den Wasserkopf von Vertrieb und Verwaltung ergeben.

Gebrauchte Elektroautos als Konkurrenz für die Startups

Entgegen dem Klischee sind die Autoriesen allerdings aktiv. Renault etwa wird bald die zweite Generation des Topsellers Zoe präsentieren. Ein bewährtes und beliebtes Elektroauto, dass auch gebraucht eine sichere Wahl ist: Renault ermöglicht neuerdings bei älteren Zoe die Entscheidung zwischen Batteriemiete oder dem Kauf als Beendigung der fortwährenden Mietzahlung. Die Einstiegspreise liegen inzwischen unter 10.000 Euro, und die Community ist groß. Ein Renault Zoe oder Smart electric drive aus zweiter Hand sind durchaus eine Konkurrenz für Startups in der Branche.

Der Smart electric drive bekommt neu und in zweiter Hand gleichfalls einen Wettbewerber: Die e.Go Mobile AG will den Kleinwagen Life möglichst schnell auf die Straße bringen. Ab 15.900 Euro mit knapp 15 Kilowattstunden Batteriekapazität für rund 100 Kilometer oder ab 19.900 Euro mit etwa 24 Kilowattstunden für circa 160 Kilometer. Der Reiz des e.Go Life ist die Möglichkeit, bewusst ein relativ günstiges Elektroauto mit geringer Aktionsdistanz zu kaufen. Also ein Fahrzeug, das von vornherein auf Kurzstrecken ausgelegt ist, statt durch maximalen Batterieeinbau teuer zu werden und so zu tun, als wäre es urlaubstauglich.

Der Starttermin verzögert sich. Es dauert. Szenefreunde ficht das nicht an; sie können sich nicht vorstellen, ein Elektroauto von Volkswagen zu erwerben; dem Konzern, der Dieselgate verursacht hat. Ob die breite Masse der Käufer ähnlich denkt, darf bezweifelt werden.

Der Volkswagen I.D. löst 2019 den e-Golf ab

Für Volkswagen läuft es ohnehin gut. Zwar fällt die Marke zurzeit dadurch auf, dass wegen der Einführung des Messzyklus‘ WLTP riesige Parkplätze zur Zwischenlagerung von Neuwagen angemietet werden. 2019 wird dennoch ein vielversprechendes Jahr: Neben dem Start des Golf VIII werden die Wolfsburger die Einführung des Batterie-elektrischen I.D. vorbereiten. Mit Reservierungsanzahlung und etlichen Veranstaltungen.

Für die Startups von Sono Motors und e.Go Mobile wird die Zeit also knapp. Sie können sich behaupten, wenn sie rechtzeitig am Markt sind und die niedrigen Preisankündigungen einhalten. Außerdem müssen die Produkte so attraktiv wie ein gebrauchtes Elektroauto eines Großserienhersteller sein.

Wie schwierig es ist, eine neue Automarke zu schaffen, zeigt unterdessen Tesla. Es ist das große Talent von Elon Musk, der Welt gezeigt zu haben, wie spannend Elektroautos sein können. Der internationale Wert der Marke ist extrem hoch, und das Gerede um Musk, seine Tweets oder seinen Gesundheitszustand wirken manchmal wie der Teil einer höchst professionellen PR-Kampagne. Tesla kann theoretisch zahlungsunfähig werden – praktisch würden im gleichen Moment etliche kaufkräftige Unternehmen gerne die Kosten übernehmen, um Tesla weiterzuführen.

Gleichgültig ob Sono Motors, e.Go Mobile oder Tesla, im Kampf der erfreulichen Kleinen gegen die satten Großen gibt es eine Gemeinsamkeit: Konkurrenz belebt das Geschäft. Und die hat der Automarkt bitter nötig.

Erschienen am 24. August bei ZEIT ONLINE.

Bildquelle: Sono Motors

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