(No) Faraday Future

Ein Serienauto des US-Startups kommt erst „in ein paar Jahren“

Klappern gehört zum Handwerk. Und so verwundert es kaum, dass die neue Automarke Faraday Future mit professionellem Wirbel auf sich aufmerksam macht. Im Rahmen der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas haben die Macher nun ein elektrisches Konzeptauto vorgestellt. Was mit geheimnisvollen Teaservideos und geschickten Schlagwörtern wochenlang die Neugierde zu wecken versuchte, erweist sich allerdings als wenig konkret. Mit dem Charisma eines Elon Musk, dem Gründer von Tesla Motors, können die Verantwortlichen bei Faraday Future jedenfalls nicht mithalten. Stattdessen erinnerte die Markenpremiere an die Enthüllung eines Prototypen der klassischen Autoindustrie. Konventionell und irgendwie beliebig. Die „Wow“-Rufe, die bei Elon Musks Reden aus dem Publikum herausbrechen, blieben aus.

Besonders sparsam war der Applaus, als Nick Sampson von der Entwicklungsabteilung bei Faraday Future sagte, man sei sehr schnell – während Tesla Motors neun Jahre von der Gründung bis zur Auslieferung des Model S gebraucht habe, würde es Faraday erst seit 18 Monaten geben, und schon „in ein paar Jahren“ („in a couple of years“) sei mit einem Produkt zu rechnen. Es sind also mindestens zwei Jahre. Vielleicht aber auch mehr.

Trotzdem lassen sich aus der Marketingsprache wie dem Versprechen einer transformativen Vision für die Mobilität Fakten destillieren.

Investitionen von einer Milliarde US-Dollar

Zuerst: Faraday Future will FF genannt werden. Entscheidender Geldgeber ist das chinesische Unternehmen LeTV, das mit dem Verkauf von Smartphones, Tablets und anderen Elektronikartikeln am Markt ist. Eine Milliarde US-Dollar will die Allianz investieren. So baut FF in North Las Vegas eine Fabrik auf. Zurzeit arbeiten bereits 750 Mitarbeiter im Projekt, davon 550 in den USA und 200 weitere im Rest der Welt. Man plant in Zukunft mit 4.500 Angestellten.

Als Appetithappen hat FF den ZERO1 mitgebracht. „Kein Konzeptauto, sondern ein Auto der Konzepte“, sagt Designchef Richard Kim. Das Fahrzeug, das mit einer Finne entlang der Längsachse einem Rennsportwagen der Le Man-Serie ähnelt, ist also eine Ideensammlung und kein zukünftiges Produkt. Das war bei Tesla Motors anders, wo man 2009 das faktisch fertige Model S gezeigt hat – da dauerte es noch drei Jahre bis zum Verkaufsstart. Das ist angesichts der Komplexität der Aufgabe bis heute ein Rekord.

Zurück zu FF: Der ZERO1 soll 1.000 PS haben, in weniger als drei Sekunden auf 60 Meilen pro Stunde (entsprechend 96 km/h) beschleunigen und über 320 km/h Spitze fahren. Ob sich das Designerstück überhaupt von selbst bewegen kann, bleibt unklar. FF weist beim ZERO1 auf ein Element hin, das spätere Serienautos ebenfalls haben sollen: eine umlaufende Linie, die „UFO-Line“ genannt wird. Möchte FF damit sagen, dass man aus einem anderen Universum kommt? Die Formulierung, dies wäre „unsere DNA“, gleicht eher der von jedem anderen Autohersteller.

Plattformstrategie wie bei Tesla Motors oder Volkswagen

Das gilt auch für die „Variable Platform Architecture“ mit dem Kürzel VPA. Analog zu bisherigen Batterie-elektrischen Autos liegen die Akkus im Fahrzeugboden zwischen den Achsen. Diese Basis führt zu einer hohen Flexibilität bei der Gestaltung verschiedener Karosserien. Im Vortrag von FF heißt es, damit sei alles vom SUV über die Limousine bis zum Kompaktauto vorstellbar. Für Vortrieb sorgen je nach Auslegung ein bis drei Elektromotoren; es ist jedes Layout vom Front-, über den Heck- bis zum Allradantrieb möglich.

Keine Aussage macht FF leider dazu, was man sich darunter vorstellt, dass man ein Auto nicht besitzen, sondern nur manchmal nutzen könne. Das war im Teaser genauso angekündigt worden wie das autonome Fahren „vom Rücksitz aus“. Und dass alle zukünftigen FF-Autos maximal vernetzt sein sollen, ist auf der CES in Las Vegas keine Ausnahme, sondern quasi der Kern der Messe.

Mehr Wettbewerb, bitte!

Dennoch ist die Initiative von FF dringend begrüßenswert.

Selbst wenn FF kein seriennahes Auto zeigt, kein genaues Verkaufsjahr nennt und vorwiegend im Nebel der Worthülsen bleibt – es gibt keinen Zweifel daran, dass bei Batterie-elektrischen Autos nichts so sehr fehlt wie Konkurrenz. Die Zahl und Bandbreite der Stromer, die es tatsächlich zu kaufen gibt, ist weiterhin zu gering.

Es ist eben kein leichtes Ding, aus dem Nichts eine Autofirma aufzubauen. Umso größer ist und bleibt der Respekt vor Elon Musk, dem Gründer von Tesla Motors. Mit dem puren Vorhandensein eines international begehrten Produkts – dem Model S und jetzt auch dem Model X – treibt er die traditionelle Industrie vor sich her.

Nick Sampson von FF wagt zum Abschluss einen großen Vergleich. Es sei ziemlich genau neun Jahre her, dass Apple das erste iPhone gezeigt habe. Kaum jemand habe heute noch ein Mobiltelefon mit Tasten in der Tasche, wie es von Motorola oder Nokia erfolgreich verkauft worden sei.

Und damit meint Sampson: eine solche Umwälzung ist auch bei der Autoindustrie keineswegs absurd. Es bleibt spannend, ob und was FF dazu beiträgt.

Erschienen am 5. Januar bei ZEIT ONLINE.

Bildquelle: Faraday Future

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