Ultra-Strom

„RIP“ ist bei Spöttern die Abkürzung für die drei Ursachen des schleppenden Verkaufs Batterie-elektrischer Autos: Reichweite, Infrastruktur, Preis. Diese Faktoren müssen besser werden. Jüngstes Beispiel für den Fortschritt beim „I“ ist das Projekt Ultra-E: Entlang einer mehr als 1.100 Kilometer langen Strecke von Amsterdam über Brüssel, Stuttgart, München und Wien bis nach Graz werden 25 extreme Schnell-Ladesäulen aufgebaut. Ihre Leistung beträgt bis zu 350 Kilowatt. Das ist mehr als doppelt so viel wie bei den aktuellen Superchargern von Tesla (145 kW). Und dennoch wird das kalifornische Unternehmen nicht überholt; Tesla bleibt das Vorbild und an der Spitze.

Ultra-E verspricht eine Reduktion der Zwangspause von eineinhalb Stunden auf 20 Minuten für 300 Kilometer Reichweite. Die Rechnung dahinter geht so: Die Konsortialpartner unter Führung von Allego legen einen Autobahnverbrauch von 25 Kilowattstunden auf 100 Kilometer zu Grunde. Eine plausible Größenordnung, die durch die Realmesswerte von heise Autos bestätigt wird. An den derzeit üblichen Gleichstrom-Ladesäulen nach dem europäischen CCS (Combined Charging System) mit 50 kW Ladeleistung ergeben sich also die besagten eineinhalb Stunden, um rund 75 kWh zu bunkern.

Die zukünftigen 20 Minuten erscheinen auf den ersten Blick weniger verständlich. Für 75 kWh müsste die Ladezeit bei 350 kW ungefähr 13 Minuten betragen – hier ergibt sich mathematisch eine Lücke. Die wiederum erklärt sich aus einer Fahrzeug-seitigen Begrenzung. Das einzige Auto, das offiziell das Potenzial für so hohe Ladeleistungen haben wird, ist der Porsche Mission E. Bisher lediglich eine Ankündigung, die je nach Quelle mal auf der IAA 2019, mal 2021 als Serienprodukt Premiere feiern könnte. Porsche schafft in Prototypen gesicherte 225 kW Ladeleistung, und daraus wiederum resultieren die 20 Minuten. Mehr ist (noch) nicht drin.

Zurück zu Ultra-E. Die Liste der Automarken unter den teilnehmenden Partnern umfasst Audi, BMW, Magna und Renault, wo man bisher kein DC-fähiges Fahrzeug im Programm hat. Aus der Allianz von Renault und Nissan (und Mitsubishi) ist folglich bald mehr zu erwarten.

Fertigstellung bis Ende 2018

Die 25 Standorte kosten rund 13 Millionen Euro, wobei die eine Hälfte von der Europäischen Union und die andere vom Konsortium getragen wird. Eine gute halbe Million Euro pro Anlaufstelle, wo jeweils – hier ist noch nicht alles festgelegt – mindestens zwei, vielleicht auch bis zu vier 350 kW-Ladepunkte entstehen. Bis Ende 2018 soll alles fertig sein.

Ein weiterer Pluspunkt von Ultra-E ist die Plug & Charge-Möglichkeit. In der Praxis bedeutet das: Einstöpseln, Software erkennt Auto, Abrechnung folgt automatisch. Kein Ladekartenchaos mehr, keine Apps, keine RFID-Dongles, ganz simpel. So, wie es Tesla-Fahrer an den Superchargern von Beginn an gewohnt sind.

Ultra-E ist ein wichtiges Projekt, um die Langstreckentauglichkeit Batterie-elektrischer Autos und Nutzfahrzeuge umzusetzen. Und einmal mehr erweist sich Allego – Tochter des niederländischen Netzbetreibers Alliander – als  die Firma, die es macht. Die Europäische Union wiederum hilft gezielt, um die Staaten entlang bestimmter Korridore (TEN-T) zu vernetzen.

Wo aber sind die Haken?

Bisher kein einziges Auto in dieser Klasse

Zum einen fehlen die Autos an sich. Kein einziges BEV (Battery Electric Vehicle) schafft heute die 150 kW Ladeleistung, die Audi für den e-tron (ab 2018) als Vorstufe angekündigt hat und die zum Ende des Jahrzehnts wohl das Mindestmaß sein werden. Für die weitere Steigerung auf bis zu 350 kW ist die Umstellung des Bordnetzes von heute gut 400 auf dann über 800 Volt Spannung notwendig. Hier hat lediglich Porsche mit dem Mission E ein Konzept vorgestellt, und dem Vernehmen nach arbeitet auch Mercedes („EQ“) daran. Zukunftsmusik.

Dass die Infrastrukturanbieter mitziehen müssen, ist ein weiterer Aspekt. So werden bei den 350 kW-Säulen wahrscheinlich sowohl Kabel als auch Stecker gekühlt. Ob mit Luft, Wasser oder beidem ist unklar. Die Produkte sind in der Mache.

Es ist außerdem kritikwürdig, dass lediglich an entlang einer Strecke experimentiert wird. Und damit sind wir wieder bei Tesla.

Tesla auf absehbare Zeit überlegen

Man kann viele Aspekte der kalifornischen Marke skeptisch betrachten. Die Ertragslage zum Beispiel oder die aggressive PR-Strategie. Das Netzwerk der Supercharger aber ist unerreicht und konkurrenzlos.

Fakt ist: Die Schnell-Ladestationen von Tesla sind jetzt und heute über ganz Europa verteilt. Der Ausbau setzt sich kontinuierlich fort. Plug & Charge ist Realität. Alle Ladepunkte sind im Navigationssystem jedes Tesla-Models hinterlegt, und sie funktionieren einwandfrei, was in der Welt der E-Mobilität leider als Sondererfolg erwähnt werden muss.

Der Ausblick, den Ultra-E auf das Laden mit 350 kW gibt, ist eine Chance, zumindest in einem Teilbereich einen Vorteil der traditionellen Autohersteller gegenüber Tesla zu dokumentieren. Es wäre allerdings naiv zu glauben, dass die Entwicklungsabteilung in Freemont schläft. In den USA sind Supercharger mit gekühlten Kabeln bereits gesichtet worden. Bis tatsächlich ein 350 kW-fähiges Serienprodukt etwa auf Basis des Porsche Mission E das Werk verlässt, könnte Tesla längst ein neues Model S mit einer Ladeleistung vorgelegt haben, die ähnlich hoch ist. Der Vorsprung von Tesla bleibt auf absehbare Zeit bestehen.

Erschienen am 21. Oktober bei heise Autos.

Bildquelle: Phoenix Contact

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

nach oben