Warum Porsche plötzlich E-Bikes baut

Die Marke Cyklaer ist neu. Im Frühherbst auf der Messe Eurobike und kurz danach auf der IAA Mobility hat der Fahrradhersteller eine Produktreihe vorgestellt. Alles ist vom Feinsten: Der Rahmen und die Gabel sind aus Karbon gefertigt. Der Antrieb für die elektrische Unterstützung kommt von Fazua und ist der Inbegriff für Leichtbau bei Pedelecs. Und weil Fahrradfahren in der Großstadt ein Risiko sein kann, haben die Modelle von Cyklaer vorne und hinten eine Kamera. Ab rund 7.000 Euro sind die E-Bikes zu haben. Das Besondere sind die Unternehmen, die hinter Cyklaer stecken: Neben Storck, einer etablierten und szenebekannten Firma aus Idstein, ist Porsche der entscheidende Initiator hinter dem Projekt. Genau genommen die Porsche Digital GmbH, die dafür sorgt, dass alle Software-Features per drahtlosem Update – also wie bei Tesla – auf dem aktuellen Stand bleiben. Warum betreibt Porsche diesen Aufwand?

„Die Autoindustrie hat begriffen, dass die Mobilitätswelt im Wandel ist“, analysiert Burkhard Stork, Geschäftsführer des Zweirad-Industrieverbands (ZIV). „Wenn Porsche und andere Hersteller aktiv werden, geht es um die Diversifizierung der eigenen Produktpalette, um sich auf diese Veränderung vorzubereiten.“

Eigentlich hat die Verbindung aus Auto und Fahrrad Tradition. Opel zum Beispiel war über Jahrzehnte ein erfolgreicher Fahrradhersteller. Und Peugeot geht so weit, die eigene Zweiradgeschichte zu wiederholen: Mit der „Legend“-Baureihe verkauft Peugeot jene schlanken und eleganten Räder als replizierte Neuware, mit denen die Franzosen in den 80er Jahren brilliert haben.

Traditionszulieferer aus der Autoindustrie denken um

Trotzdem hat das Engagement der Autoindustrie derzeit eine neue Qualität: „Ich beobachte vor allem bei den Zulieferern eine große Ernsthaftigkeit“, sagt Stork vom ZIV. Die Zulieferer, das sind zum Beispiel Bosch, Mahle und Brose. Alle drei bieten Antriebe für Pedelecs an. Das ist nicht nur finanziell, sondern auch fürs Image ein Gewinn. Schließlich hat Bosch die Einspritztechnik geliefert, mit der Volkswagen beim Dieselmotor betrogen hat. Mahle, ein weltweites Synonym für den Bau von Kolben für Verbrennungsmotoren, baut mit dem X35 einen der wenigen Elektroantriebe, die beim Leichtbau mit Fazua mithalten können. Und Brose, dem Ursprung nach ein Zuliefererbetrieb für Fensterhebermotoren, sorgt unter anderem bei der kalifornischen Marke Specialized für elektrischen Vortrieb.

Die Autoindustrie betreibt den Fahrradbau also eindeutig nicht mehr nur als Hobby oder als Accessoire. „Das Fahrrad war lange Teil eines emotionsbasierten Merchandisings“, sagt Dr. Stefan Bratzel. Klar sei, so der Professor an der FHDW Bergisch Gladbach, dass es neuerdings darum gehe „Mobilität breiter zu denken, auch wenn der Umsatz gering“ wäre. Natürlich werde dabei Geld verdient, aber am wichtigsten sei die Imagepflege, so Bratzel.  , und um die Zukunftsfestigkeit. Die Palette reicht vom Cargo- bis zum Gravel Bike. Teil dieses Trends ist inzwischen sogar Harley Davidson.

Für Harley Davidson dürfte es bis vor Kurzem undenkbar gewesen sein, Fahrräder herzustellen. Man produziert Motorräder, die Ausdruck des US-amerikanischen Patriotismus sind, eine stolze Geschichte haben, sehr teuer und manchmal zu laut sind.

Dass Harley Davidson mit dem Serial 1 ein Pedelec vorgestellt hat, das ähnlich wie die Motorräder etwas übergewichtig ist und barock wirkt, ist mutmaßlich der Nachfrage geschuldet: Es gibt in den USA und dem Rest der Welt eine junge und kaufkräftige Kundschaft, die keine Lust aufs echte Motorrad hat. In Portland, Oregon, zum Beispiel nimmt man das Fahrrad.

Diensträder als Treiber des Booms

Den Schwierigkeiten bei den Lieferketten, die große Ursachen wie die Pandemie und kleinere wie die Blockade des Suezkanals durch ein querstehendes Containerschiff haben, zum Trotz durchlebt der deutsche Fahrradmarkt einen Boom. Gut fünf Millionen wurden 2020 auf die Straße gebracht. Durchschnittspreis: 1.279 Euro. Knapp 39 Prozent davon waren E-Bikes. Daran wollen die Autohersteller teilhaben.

Zum Erfolg der E-Bikes hat auch eine gesetzliche Maßnahme beigetragen, die aus dem Automarkt bekannt ist: Das Dienstrad. Präziser formuliert ist es die weitgehende Steuerbefreiung von Firmenfahrrädern. Selbstständige können für Arbeitszwecke E-Bikes und Räder anschaffen. Und jedes Unternehmen kann seinen Mitarbeiterinnen ein Zweirad für die Pendelstrecke zur Verfügung stellen. Wer so ein Dienstrad auch privat nutzen will, was mehr Sinn ergibt als diverse Zweiträder zu betreiben, musste das früher als geldwerten Vorteil versteuern. Seit 2019 aber ist die Privatnutzung eines Firmenrads bei Selbstständigen auf Initiative des Bundesverkehrsministeriums nicht mehr steuerpflichtig. Das gilt auch für Angestellte, die es als zusätzlichen Gehaltsbestandteil erhalten.

Genau diese Regelung führt dazu, dass luxuriöse Pedelecs wie die von Cyklaer und Porsche oder von Riese & Müller problemlos an die Frau und den Mann gebracht werden können. Viele Kunden sind es vom Auto ohnehin gewohnt, in monatlichen Leasingraten zu rechnen. So ergeben sich zweistellige Beträge, die subjektiv niedrig sind, auch wenn die objektive Differenz zu einem Kleinwagen durch die Luxus-E-Bikes stetig kleiner wird.

Erschienen bei ZEIT ONLINE.

Bildquelle: Porsche Digital

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